Herbstseminar des Freiburger Kreises in Erlangen: Sportvereine verkaufen ihre Marke schlecht, oberflächlich und ohne klare Strategie
Ein Kommentar von Hans-Peter Seubert
Ein Plädoyer für Vereinsmeier und gegen Dienstleistungsunternehmen. Sportsoziologe Professor Dieter Jütting (Uni Münster) zerriss beim Herbstseminar des Freiburger Kreises (FK) in Erlangen provokant eine Reihe negativer Argumentationsketten. Vor ihm predigten PR-Profis und Medienschaffende den Mitgliedsvereinen der Arbeitsgemeinschaft größerer deutscher Sportvereine zum Leitthema „Öffentlichkeitsarbeit nach innen und außen“ schonungslosen Professionalismus und diktatorische Kommunikations-Strukturen.
Jütting dagegen beschwor die Tradition: Den Verein als Hort demokratischer Spielregeln und legitimer Vereinsmeierei. Mitgliedsleister kein Dienstleister.“
Zukunftsfähigkeit ist für ihn definierte Vereinsphilosophie (Leitbild, Ziele). Wird sie kommuniziert, lebt sie. Vereinsmeierei meint auch Traditionspflege. Dienstleistung zeugt nicht automatisch Modernität. „Die Vereine sind unwahrscheinlich robust und überlebensfähig.“ Weder die Langsamkeit von Entscheidungsprozessen noch Personalgezänk und –unliebsame Überraschungen bei Wahlen schaden ihnen: „Ich kann darin nichts Negatives erkennen. Das demokratische Moment ist ein Qualitätsmerkmal für mich.“
Ehrenamtlichkeit war stets ein knappes Gut: „Die Ehrenamtlichkeit ging damals nicht zurück, sie geht auch heute nicht zurück. Die Knappheit von Führungskräften ist der Normalfall in allen Organisationsformen und wir tun so, dass das negativ wäre.“ Jütting dreht die Argumentation um und möchte Ehrenamtsverpflichtung und -Arbeit positiv kommuniziert wissen, nicht als Deppendienst. Den organisierten Sport verkauft er als einzige Erfolgsstory, „alle anderen Organisationen verlieren Mitglieder“.
Unverständnis der Öffentlichkeit, bei jungen Leuten und Medien über Vereinsarbeit offenbart ein weiteres Kommunikationsproblem. Selbst Machthunger und Streben nach Ämtern ist für ihn demokratischer Urtrieb: „Darum geht es doch. Das wird nur negativ kommuniziert.“ Schon 1959 , als der zweite Weg, abseits des Wettkampforts propagiert wurde, waren Führungskräfte knapp. Der Professor empfiehlt schon beim Eintritt neuer Mitglieder deren Kompetenz zu erfragen und ihnen die Bereitschaft zur ehrenamtlichen Arbeit abzufordern.
Jütting: „Der Sport ist der größte Ehrenamtsbereich (11 Prozent). Er ist das dichteste Netz kommunaler Nahversorgung im bürgerschaftlichen Engagement. Was macht der Sport, er jammert.“ In jeder Kommune sind statistisch 10 Sportvereine verfügbar, jedoch lediglich 4 Ärzte, 2 Apotheken, 0,6 Kinoleinwände und 0,5 Kirchen.
Das Zauberwort professionell entzauberte der Soziologe. „Warum ist Vereinsmeierei eigentlich unprofessionell?“ Für ihn bezeichnet Professionalität eine Qualität des Handels, da können Ehrenamtliche und Hauptamtliche dilettantisch wirken. Immer noch stehe die demokratisch gewählte ehrenamtliche Struktur über den Hauptamtlichen.
Vor Jüttings Auftritt stellten Professor Georg Anders (Freiburg), Dr. Gerhard Nowak (Geschäftsführer der PR Agentur Sportsline) únd Thomas Hüser (Medienbüro Hüser) Kommunikation nach innen und nach außen als wichtigsten Zukunftsbaustein dar. Anders: „Mit Kommunikation wird gesteuert.“ Sie verlangt zuverlässige, rechtzeitige aktuelle und vollständige Informationen - von unten nach oben und umgekehrt. Effiziente Kommunikation ist klar strukturiert und transparent. Anders: „In jeder Organisationskultur spiegelt sich wider, was verbindend für alle ist.“ Offene Kommunikation schafft Vertrauen Bewusstsein und Identifikation.
Gerhard Nowak setzt bei der Öffentlichkeitsarbeit auf Image, Charakter und Ehrlichkeit der Information. Qualitative Zuarbeit für die Journalisten muss glaubwürdig sein, überzeugen und die Themen aufgreifen, die Neugier wecken (Umwelt/Energie, Gesundheit/Lifestyle). Öffentlichkeitsarbeit braucht Bilder, Gesichter
( Prominente) und Ereignisse (Events) Klare Meinungsäußerung, Kompetenz und Angebote interessanter Geschichten nützen. „Das Internet ist die preiswerteste und schnellste Möglichkeit in der Welt zu bestehen.“ E-Mailversand, Chatrooms, Blogs und Podcasts sind Kommunikationsinstrumente, die wirksamer als Pressetexte und Vereinszeitschriften sein können.
Medienprofi Hüser erkennt: „Sportvereine kommunizieren schlecht, im Regelfall. Ein positives Image entsteht immer noch von innen.“ Die einheitliche Sprache, das Logo, die Vereinsfarben stehen für die Marke Verein. In den Medienauftritten muss sich Einheitlichkeit bis hin zu den Trikots abbilden. „Alle Kommunikationskanäle transportieren die gleichen Botschaften.“ Das schärft den Wiedererkennungswert. Ihr Verein ist ihre Marke.“ Er plädiert für einen Kommunikationschef im Verein auf Vorstands- oder Geschäftsführerebene und strenge Einbindung der Abteilungen in die Hierarchie. Deren Eigenleben sei kontraproduktiv. Die gut gemachte Vereinszeitung ist immer noch das beste Medium nach innen. Sie reißt Themen und Serviceleistungen an, die dann im Internet ausgebreitet werden ( Ergebnisse, Trainingszeiten, -pläne, Übungsangebote).
Für Nowak sind Strategie, Umsetzung und Erfolgskontrolle von Kommunikation Wegweiser: „Was macht Sie unverwechselbar.“ Ist der Verein überfordert, ist Hilfe von Außen angeraten, um die Schlüsselposition Kommunikation nach innen und außen aufzuwerten.
Kommunikationstrainerin Carmen Thomas beschrieb den Dialog zwischen Regie, Gremien und Vereinsmitgliedern als Wechselwirkung. „Ich gebe soviel, wie ich bekomme.“ Sie riet den Verantwortlichen, die Rahmenbedingungen zu verändern und sich selbst weiterzuentwickeln. „Der Kniff ist aufzuhören mit der Langeweile. Das Führen von Menschen ist eine wichtige Tätigkeit.“ Zuerst gehe es darum, Menschen lesen zulernen, systematisch trainieren, Neues an sich herankommen lassen. Dazu braucht es neben Überzeugungskraft, Lernbereitschaft Selbstdisziplin und Respekt sowie eine menschliche Umgangskultur und Selbstentwicklung der Persönlichkeit.
Die Führungskraft drückt sich unter anderem dadurch aus, dass sie begeistert und Entwicklungsspielräume zulässt - also mit gutem Beispiel vorangeht. Ausstrahlung, Stimme, Blickkontakt, Impulse aus der Gruppe sowie systematisches Feedback unterstützen fruchtbare Kommunikation.
Die frühere Rundfunk- Journalistin (Treffpunkt Ü-Wagen) beim WDR ermunterte, neue unorthodoxe Wege zu beschreiten, Impulse zu nutzen und Ideen zuzulassen. Eine Reihe von praktischen Hilfen öffnete manchem der 120 Seminar-Teilnehmer die Augen. Kommunikation im besten Sinne, denn der erfolgreiche Dialog fängt bei den handelnden Personen an.
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